Schreibabys

Keine Angst vor Babytränen

25.04.2016 16:05
von Oona Canonica
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Bild: © Fotolia

«Jede auf dem Körper der Eltern geweinte Träne bedeutet Heilung.» Aletha Solter

«Warum schreit mein Baby?»

Diesen Satz höre ich oft von erschöpften und entmutigten Eltern eines Schreibabys, die mich aufsuchen. Man darf nicht unterschätzen, dass das kaum zu tröstende Schreien des eigenen Kindes eine sehr hohe Belastung für Eltern darstellt. Viele nehmen es auch sehr persönlich. Vor allem, wenn medizinisch alles in Ordnung ist. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle ziehen sie noch mehr runter, was das Verhalten des Kindes noch zusätzlich verschlimmert. Es ist eine Abwärtsspirale, die den Bindungsaufbau zum Kind stark erschwert. Deshalb empfiehlt es sich, wirklich frühzeitig Unterstützung zu holen.

Eine Antwort auf die eingehende Frage der Eltern zu finden geht allenfalls durch Beleuchten der Gesamtsituation einher. Wie war die Schwangerschaft und Geburt? Wie geht es den Eltern? Wie ist der Tagesablauf? Gründe für das Weinen des Kindes zu finden sind jedoch nicht immer gegeben – und auch nicht immer unbedingt wichtig, wie Sie noch erfahren werden.

Verschiedene Arten von Babyweinen

Grundsätzlich gibt es drei Arten von Babyweinen: das Bedürfnisweinen, das Stressbewältigungsweinen und das Erinnerungsweinen.

Beim Bedürfnisweinen möchte das Baby ein unmittelbares Bedürfnis gestillt bekommen wie Hunger, Wärme, Nähe, Liebe, Schlafen, frische Windel usw. Es schreit als Ausdrucksmittel für dieses Bedürfnis oder als Mittel zur Stärkung der Bindung zu seinen Eltern. Wird dieses Bedürfnis gestillt, hört es meist unmittelbar mit Schreien auf.

Beim Stressbewältigungsweinen baut das Baby erlebten Stress und Spannungen ab. Dazu zählt unter anderem häufiger Zeit- und Leistungsdruck, Erschöpfung der Eltern, hohe Erwartungen der Eltern an sich selber und das Baby oder hohe Erwartungen des sozialen Umfeldes. Auch Umwelteinflüsse wie Verkehr, Radio, Fernsehen etc. kann Spannungen beim Baby hervorrufen. Wird das Weinen nicht zugelassen, resp. kann das Baby nicht auf diese Art Stress und Spannungen abbauen, kumuliert sich dieses Stresserleben, was zu vermehrtem Weinen, Quengeln oder gar späterem, schwierigem Verhalten führen kann. Liebevolle, gehaltene Begleitung des Weinens ist hier jedoch von absoluter Wichtigkeit. Dazu später mehr.

Beim Erinnerungsweinen verarbeitet das Baby schwierige Situationen in welchen es sich bedroht oder hilflos gefühlt hat. Dies geschieht nicht über den Intellekt sondern es erinnert sich körperlich und emotional daran zurück. Gründe dafür könnten z.B. eine schwierige Geburt oder Trennung von der Mutter nach der Geburt, gewesen sein. Darf das Baby seine Gefühle durch Weinen nicht mitteilen, lernt es, dass es nicht angebracht ist, seine Sorgen und Ängste mitzuteilen, welche sich allenfalls bis ins Erwachsenenalter aufstauen können. Auch hier ist nur das begleitete, gehaltene Weinen zu empfehlen.

Vermehrtes Weinen kann auch aufgrund einer vegetativen Regulationsschwäche, einem unreifen Nervensystem, Überaktivität frühkindlicher Reflexe (z.B. Moro-Reflex) oder eines Entwicklungsschubes auftreten.

Ist mein Baby ein «Schreibaby»?

Rund 25 Prozent der Neugeborenen in den industrialisierten Ländern durchlaufen in den ersten drei Monaten Phasen, in denen sie untröstlich weinen. Das Schreiaufkommen hat seinen Höhepunkt in der achten Lebenswoche. Allerdings lassen sich nur bei etwa fünf Prozent der Schreibabys physiologische Gründe für das Schreien finden. Ein Zitat von Dr. Remo Largo besagt: «90 Prozent der Babys im Alter von sechs Wochen weinen zwischen eineinhalb bis drei Stunden am Tag».

Zeichen untröstlich weinender Babys sind, dass das Schreien anfallsartig erfolgt, die Beinchen werden angezogen, die Muskeln sind angespannt. Die Babys neigen zur Überstreckung und taktiler Abwehr, haben einen geblähten Bauch und einen hochroten Kopf. Elterliche Angebote beruhigen sie nicht. Sie vermeiden den Blickkontakt, finden keine Entspannung und sie sind schreckhaft.

Von einem Schreibaby spricht man in der Fachwelt, wenn es mindestens drei Stunden pro Tag, an drei Tagen pro Woche über mehr als drei Wochen hinweg schreit. Die Belastung und das Empfinden von Eltern ist allerdings sehr individuell. Wenn Eltern mir berichten, dass sie einfach nicht mehr können, erübrigt sich meiner Meinung nach die Frage nach dem wie viel und wie lange.

Statt analysieren, Situation erfühlen

Wenn mich Eltern eines Schreibabys aufsuchen, versuche ich sie in meiner Arbeit nicht vorwiegend über den Intellekt zu erreichen. Sie haben meist sowieso schon stundenlang über mögliche Gründe spekuliert. Hier hilft die Arbeit über den Körper. Dieser erlebt das Babyschreien schliesslich mit. Es ist wichtig, den Eltern aufzuzeigen, wie ihr Körper auf das Babyweinen reagiert. Der Fokus ist also nicht auf Denken und Handeln gerichtet, sondern auf Spüren und Fühlen.

Schnürt es mir den Hals zu? Wird es eng in meiner Brust? Wird mir heiss? Bekomme ich Angst? Werde ich wütend?

Dann erarbeite ich zusammen mit den Eltern anhand einfacher Methoden, wie wir diese Empfindungen lindern und sie immer mehr in einen Zustand von innerer Ruhe finden können, auch wenn es im Aussen tobt – das hilft übrigens auch wunderbar bei anderen Schwierigkeiten im Leben. Dies kann entstehen durch Konzentration auf die Bauchatmung, Visualisierung eines sicheren Ortes, Spüren der Füsse und des Körpers usw. Die Art und Weise was für jemanden am besten hilft ist sehr individuell.

Sind alle Bedürfnisse des Babys gestillt und sind physiologische Gründe für das Weinen ausgeschlossen, geht es also in erster Linie nicht darum, das Baby zum Schweigen zu bringen, sei es mit Nuggi, langen Autofahrten, Fön laufen lassen, stundenlangem Wippen oder hüpfen auf einem Ball, sondern es ist wichtig, anzuerkennen, dass dieser kleine Mensch gerade versucht seine Spannungen abzubauen oder seine Erinnerungen zu verarbeiten. Den genauen Grund muss man dabei gar nicht immer kennen.

Präsent sein und dem Baby Halt geben

Wichtig dabei ist, dass die Bezugsperson, meist Mutter oder Vater, sich bequem platziert. Das Baby soll im direkten Körperkontakt und ihr zugewendet sein, das gibt ihm Halt und Sicherheit. Auch den Kontakt innerlich zu halten ist wichtig, da hilft das Bild von einem zarten Band zwischen sich und dem Baby oder einer liegenden Acht, die beide umschliesst. Ist die Bezugsperson nun in einem Zustand innerer Ruhe mithilfe der erlernten Methoden, kann das Baby mit dem Durchmachen des sogenannten gehaltenen Weinens wieder zur Ruhe kommen. Die Schreiphasen können so mit der Zeit reduziert werden. Und genau hier komme ich auf das eingangs geschriebene Zitat von Aletha Solter zurück: «Jede auf dem Körper der Eltern geweinte Träne bedeutet Heilung.»

Buchempfehlungen:

  • «Emotionelle Erste Hilfe», Thomas Harms, Leutner-Verlag
  • «Warum Babys weinen», Aletha Solter, Kösel-Verlag
  • «Vom untröstlichen Weinen...zum friedlichen Sein» Christina Hurst-Prager, Books on Demand
  • «Wenn Babys weinen» Broschüre, Margarita Klein, Deutscher Hebammenverband e.V.
Blume
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